
Die Djemaa el Fna ist schon mehr als eine Reise wert!
Djemaa el Fna
Ein Tag als Teil des Weltkulturerbes
Der Taxifahrer lässt mich an der Koutoubia Moschee aussteigen.
Der Sage nach bestehen die drei goldenen Kugeln auf dem
Minarett aus dem eingeschmolzenen Schmuck einer
Haremsdame, die es gewagt hatte, während der Fastenzeit drei
Datteln zu verspeisen. Drakonische Strafen waren das damals!
Das Abenteuer beginnt: Ich muss die Strasse überqueren, um
mein Ziel zu erreichen! Wenn man europäisches
Verkehrsverhalten zugrunde legt und sich dementsprechend
verhält, verbringt man seinen Urlaub auf dieser Seite der
Strasse! „Vorwärts“ heißt die Devise! Suchen Sie Blickkontakt
mit den Kraftfahrern, versuchen Sie, deren nächste chaotische
Aktion voraus zu ahnen! Schlängeln Sie sich durch den
fließenden Verkehr! Keiner weiß wie, aber man kommt (Meist)
unverletzt auf die andere Seite!
Es ist noch früh am Morgen, die Temperatur ist angenehm, eine
recht breite, von Palmen gesäumte Allee führt geradewegs zum
Ziel, rechts begrenzt von der hohen Mauer des „Club Med“, links
reiht sich
Kutsche an Kutsche, noch sind die Lenker der „Calesch´s“
friedlich – Sie warten auf die Bustouristen aus den Küstenstädten
um Ihr Geschäft zu machen, ein einzelner Rucksackreisender
lohnt anscheinend die Mühe nicht. Die Luft ist schwer von den
Ausdünstungen der gut und gerne 100 Pferde, deren Dung in
Säcken unter Ihren Hinterteilen gesammelt wird. Umweltschutz
muss sein!
Nur etwa einhundert Meter und ich stehe auf einem weitläufigen
Platz am Rande der Medina von Marrakesch im Herzen von
Marokko, dem Ziel meiner Reise. Hier will ich einige Zeit
verbringen. Trotz der frühen Stunde herrscht bereits reges
Treiben auf der Djemaa el Fna, dem wohl bekanntesten Platz im
Land. Mopeds, Roller, PKW, ja ganze LKW überqueren die Fläche
und werden von den tunnelartigen Gässchen des angrenzenden
Souk verschluckt, wahre Menschenmassen verschwinden in den
verwinkelten Gassen. Auch auf dem Platz selber tummeln sich
die Menschen, lassen sich an einem der zahlreichen Saftstände
einen frisch gepressten Fruchtsaft servieren oder stöbern in
einem der Läden, die eine Seite der gepflasterten Fläche in
Anspruch nehmen und bereits geöffnet haben, nach Souvenirs.
Ich nehme in einem der gegenüberliegenden Kaffees Platz und
bestelle ein französisches Frühstück, Cafe Noir und Crepe, nur
ein Erbe der Kolonialzeit, das Französische ist auch, neben
etlichen Berberidiomen, die Nationalsprache Marokkos. Eine
Gruppe Jugendlicher schlägt Salti und Flic Flacs zur Unterhaltung
der Anwesenden, um anschließend mit dem Hut herum zu
gehen. Bettler in bodenlangen Gewändern überqueren den Platz
und bitten in Allahs Namen um Almosen, die gerne gegeben
werden, ganz, wie es der Koran vorschreibt. Unter grünen
Sonnenschirmen warten Hennamalerinnen auf Kunden, die sich
die Haut mit braunen oder schwarzen Ornamenten verschönern
lassen wollen, es sind wahre Kunstwerke auf Zeit die hier
entstehen. Vereinzelt bieten papageibunte Wasserverkäufer ihre
flüssige Ware an, aus Ziegenbälgen wird das Nass in kunstvoll
ziselierten Messingbechern kredenzt. Einheimische nehmen die
Dienste gerne in Anspruch, mich halten hygienische Bedenken
davon ab. Wer will schon als Zehnter aus einem Becher trinken,
ohne, dass derselbe zwischendurch gespült wird?
Nach dem Frühstück lasse ich mich in die Altstadt treiben, von
gehen kann nicht die Rede sein, dafür herrscht einfach zuviel
Verkehr, sowohl auf Rädern, wie auf Füssen. Einer der
obligatorischen, weil einfach zu aufdringlichen Schlepper nimmt
sich meiner an und führt mich durch ein Gewirr von verwinkelten
Gässchen zu einem der vielen Riads. (Ein Riad ist ein
umfunktioniertes Wohnhaus in der Altstadt, das Zimmer oder
einen Platz im Schlafsaal, Neudeutsch: „Dormitory“ für Reisende
anbietet), je nach Ausstattung variieren die Preise von moderat
bis kostspielig. Ich ergattere das letzte freie Einzelzimmer für
25€ die Nacht, inklusive Frühstück! Schlafsaal liegt mir nicht so.
Nachteil: Meine Residenz für die nächsten Nächte liegt im
obersten Stockwerk, nur durch eine Lehmdecke von der
brennenden Sonne entfernt, die Tagestemperatur liegt im
Sommer bei über 40° C! Im Schatten, wohlgemerkt! Der kleine
Ventilator hat da eher symbolische Wirkung!
Ich lege also mein Gepäck in diesem Backofen ab und mache
mich auf den Weg, die Umgebung zu erkunden, nicht ohne mir
eine Visitenkarte des Riad geben zu lassen, wer weiß, ob ich Ihn
sonst je wieder finde? Vor der unscheinbaren Türe des
Gebäudes wartet mein „Führer“ auf seinen Lohn, wir einigen uns
auf 20 Dirham, etwa zwei €, handeln gehört in diesem Land zum
guten Ton, in touristisch erschlossenen Gebieten etwa ein Drittel
des erstgenannten Preises, sonst die Hälfte - nur so als Anhalt.
Ich darf mich danach frei in der Medina bewegen, die anderen
Schlepper sind vorgewarnt und lauern zahlungsfreudigeren
Ausländern auf! Man kann sich recht leicht verlaufen, viele der
kleinen, meist bedachten Gässchen enden nach einigen hundert
Metern mit etlichen Abzweigungen und Kurven abrupt vor einer
Haustüre. Aber die netten Einwohner weisen einem immer einen
Weg zur Djemaa el Fna. Im Inneren des Souks gibt es so
ziemlich alles zu kaufen, was das Herz begehrt – und noch
einiges mehr! Je weiter ich mich von den doch arg touristisch
geprägten Geschäften entferne, umso exotischer wird das
Angebot der versteckten Läden! Von der Decke hängen
Schlangenhäute von 5 Metern und mehr, in Vogelkäfigen
drängen sich Chamäleons, lebende Falken und sogar Adler
sitzen auf Stangen, in manchen Läden riecht es penetrant
nach „Kiff“, obwohl das rauchen von Haschisch auch in Marokko
unter Strafe steht. Pülverchen gegen jedes Zipperlein wechseln
den Besitzer, auch gegen den bösen Blick. Alte, abgestreifte
Schlangenhaut soll zum Beispiel Glück bringen. Der Glaube
versetzt ja bekanntlich Berge.
Die Inhaber der kleinen Läden sind recht unaufdringlich und
akzeptieren auch ein „Nein“, spätestens, wenn ich den
arabischen Ausdruck „La“ dafür benutze. Immer wieder kann
man sich beim Nationalgetränk, Chai, dem stark gesüßten Minz-
Tee (The a la Menthe) entspannen. Stilecht werden die
Minzblätter in einer Metallkanne aufgebrüht, ein Läppchen
verhindert, dass man sich seine Finger verbrennt. Dreimal wird
der Sud in das Glas und wieder zurück gegossen, so will es die
Tradition, außerdem kühlt das Gebräu auf Trinktemperatur ab.
Die hohen Gebäude der Medina spenden angenehmen Schatten ,
so dass man nicht ganz so viel Wasser benötigt, aber so um die
zwei Liter Flüssigkeit sind auch hier angesagt.
Zum Mittagessen verlasse ich die Altstadt und nehme auf einer
der schattigen Dachterrassen rund um die Djemaa el Fna
Platz „Coq a la Citron“ ist meine Wahl, wie gesagt: Das
französische Erbe ist allgegenwärtig! Statt Rotwein wähle ich bei
dieser Hitze dann aber doch Mineralwasser. Man überblickt die
gesamte Betongepflasterte Fläche des sich füllenden Platzes, die
arabische Musik einiger Trommlergruppen mischt sich mit dem
gedudel zahlreicher Transistor Radios, Händler preisen lautstark
ihre Ware an. Eine Kakophonie der Töne, nur, wenn der Muezzin
via Megaphon vielstimmig, es gibt jede Menge Moscheen, zum
Gebet ruft, werden aus Respekt zumindest die Radios
ausgeschaltet. Handkarren werden mühevoll aus den Tunneln
der Medina über den Platz geschoben, um die Stände
aufzubauen, an denen abends diverse Köstlichkeiten angeboten
werden, Käfige mit Berberäffchen nehmen ihre alt
angestammten Plätze ein, die kleinen Primaten werden
unbedarften Touristen zwecks Foto auf die Schultern gesetzt,
Bakschisch ist obligatorisch – auch hier gilt: Handeln!
Schlangenbeschwörer packen ihre Akteure aus, Vipern und
Kobras schlängeln sich mehr oder weniger frei herum, man hat
den Tieren die Giftzähne gezogen, sonst würde wohl kein Tag
ohne Tote vergehen! Langsam füllt sich der Platz. Im Laufe des
Nachmittags erscheinen fliegende Händler, die exotische
Gewürze und Räuchermittel feilbieten, kleine Echsen flitzen über
die Auslagen, die Zahnreißer präsentieren stolz die Ausbeute der
letzten Jahre – ich bekomme Zahnschmerzen vom zuschauen!
Moritatenerzähler geben ihre Geschichten zum Besten, auf
Tafeln kann man Bilder der jeweiligen Story bewundern und so
auch ohne Sprachkenntnisse den Inhalt verstehen. Tausend und
eine Nacht in passendem Ambiente!
und Myrrhe werden entzündet, der würzige Rauch vermischt sich
mit dem
Mit Anbruch der Dunkelheit füllt sich der Platz endgültig, an den
Fressbuden werden die Feuer entzündet, das Angebot ist zu
vielfältig, als dass man alles kosten könnte. Ich beginne mit
Schneckensuppe, Gartenschnecken in schönen Gehäusen, die
man mittels Zahnstochern puhlt, stark gepfeffert, man ist fast
gezwungen, sich beim Nachbarstand einen frisch gepressten Saft
zu besorgen. Anschließend wechsele ich den Anbieter zwecks
Hauptspeise. Auf dem Weg habe ich ein Äffchen und
anschließend eine (Harmlose) Schlange auf den Schultern. Mit
Lächeln und diversen „La!“ werde ich die Tierchen und deren
aufdringliche Besitzer relativ schnell wieder los. Etwas
schwieriger erweist es sich, einen Überblick über das Angebot
der Garküchen zu gewinnen. Mindestens zwei der Anbieter habe
ich immer lautstark lamentierend neben mir, jeder erklärt mir
wortreich seine Speisenkarte. Bei manchen genügt ein Blick in
die offene Küche, um schnell das Weite zu suchen: Schafs- oder
Rinderhirn, frisch aus dem geschmorten Kopf, ist nicht so ganz
mein Fall!
Schließlich entscheide ich mich für das Nationalgericht des
Landes: Tagine, eine Art Eintopf aus Hammelfleisch (Man kann
auch Hühnchen bekommen oder Rind. Nur Schwein sucht man
vergebens!), das zusammen mit verschiedenen, Kurkuma
gefärbten Gemüsearten in einer Tonschale mit hohem Deckel
gegart wird. Mehrere, teilweise recht scharfe, Soßen, ein
Schälchen eingelegter Oliven und Unmengen Fladenbrot dienen
als Beilagen. Traditionell wird mit zwei Fingern und dem Daumen
der rechten Hand etwas von dem Brot abgebrochen und damit
Gemüse und Fleisch aufgenommen. Auf die Art verbrennt man
sich wenigstens nicht die Finger. Weniger stilvoll kann man
selbstverständlich auch eine Gabel benutzen. Aber, wer will das
schon? Alles wird mit Mineralwasser herunter gespült, Alkohol ist
auf der Djemaa verpönt. Die Bänke füllen sich zusehends, der
Tisch biegt sich schier unter den Speisen, kleine Kinder laufen
zwischen den Bänken herum und versuchen,
Papiertaschentücher zu verkaufen. Meist sind es Einheimische,
die es sich hier schmecken lassen, der größte Teil der
ausländischen Touristen hat es sich auf den umliegenden
Dachterrassen gemütlich gemacht und veranstalten mit ihren
Kameras ein wahres Blitzlichtgewitter. Ich, für meinen Teil,
wechsele den Stand zwecks Nachtisch: Schokoladenkuchen mit
scharfem Ingwertee aus riesigen Kupferkesseln. Nebenbei kann
ich die Leute beim Flaschenangeln beobachten: Man muss
versuchen, eine Cola Flasche mittels eines Rings zu „Angeln“,
scheint sehr beliebt zu sein! Weitere Menschentrauben haben
sich um Hütchenspieler und ähnlich geartete Glücksspiele
versammelt, die Geldscheine wechseln äußerst schnell den
Besitzer! Eine Wahrsagerin hat sich meiner Hand bemächtigt und
redet gestenreich auf mich ein. Ich verstehe kein Wort – macht
nichts! Weihrauch und Myrrhe werden entzündet, der würzige
Rauch vermischt sich mit dem Geruch der Spezereien, die
Teekessel dampfen, der ganze Platz brodelt und kocht!
Ich wandere relativ planlos über die Fläche, immer wieder habe
ich überraschend Chamäleons, Bartagamen oder
Landschildkröten in Händen oder auf den Armen. Eselskarren mit
allen möglichen Ladungen bahnen sich ihren Weg. Ein Rudel
halbwilder Hunde tobt kläffend durch die Menge, Autos,
Pferdekutschen und Zweiräder zwängen sich durch die
Menschenmassen, Letztere ziemlich rasant, mit nach innen
geklappten Rückspiegeln! Unter den Jugendlichen scheint es sich
als Sport etabliert zu haben, mit den knatternden Vehikeln durch
die Menge zu surfen, immer wieder dreht man seine Schleifen,
verlässt kurz den Platz, um Atem zu schöpfen, wartet auf eine
Lücke in der Menschenwand um erneut zum wilden
Ritt zu starten! Das Mobiltelefon, als das Statussymbol der
modernen Zeit, immer am Ohr. Perfektes Chaos funktioniert!
Ich begebe mich zurück in meine Unterkunft. Jedenfalls öffne ich
die Türe zu meinem Verschlag: Wenn ich ein Kilo Teig aufs Bett
werfe, ist das Brot wahrscheinlich in einer Stunde fertig!
Draußen herrscht eine recht angenehme Temperatur. Also: Türe
sperrangelweit aufreißen, Ventilator vor die Türe stellen und
frische Abendluft in den Raum blasen, kalt duschen und man
kann es sich gemütlich machen, ohne zu überhitzen.
Mein Tag als Teil des Weltkulturerbes geht zu Ende.
Mehr vom Autor: http://www.haraldkraemer.npage.de
Infobox Djemaa el Fna:
Niemand kann sagen, seit wann das allabendliche Spektakel stattfindet, oder warum. Auch bei der Schreibweise hat man sich noch nicht so richtig geeinigt, alleine auf den Verkehrsschildern in Marrakesch habe ich vier unterschiedliche Versionen gesehen!
Aber: Extra für den Kulturraum des Platzes wurde im Jahre 2001 von der UNESCO die Liste der „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ ins Leben gerufen. Die Liste wird ständig erweitert, meist handelt es sich um bestimmte Musikarten, Sprachen oder Handwerkskunst, die Djemaa bleibt einzigartig, Sie ist das Weltkulturerbe, zu dem man selbst zumindest zeitweise gehört und das allein lohnt schon den Besuch!